Sitzen ist das neue Rauchen: Ungesunde Schreibtischarbeiten

„Endlich sitzen!“ Wie oft hören wir im Laufe der Zeit diesen Satz? Dabei ist die Anatomie des Menschen gar nicht auf eine derartige Position, sondern viel mehr auf Bewegung und Aktivität ausgerichtet. Trotzdem ist es leider so:  „Sitzen ist das neue Rauchen“.

Sitzen ist das neue Rauchen: Gravierende Folgen durch ungesunde Haltung

Die schädlichen Auswirkungen kommen nicht von der Tatsache, dass viele Menschen eine lümmelnde Position im Sitzen einnehmen. Ein Büromöbelhersteller hat sogar herausgefunden, dass alle Menschen eine von neun Sitzpositionen am Schreibtisch einnehmen: Beine lang und Rücken weit nach hinten, Schultern nach vorn gezogen oder ähnlich einem Fragezeichen in scheinbar alle Richtungen gebogen.

Die Wirbelsäule ist darauf nicht ausgelegt und auch wenn häufige Positionswechsel im Sitzen vorgenommen werden, so lassen sich die gravierenden Folgen des Sitzens doch nicht verhindern.

Rund 17 Millionen Deutsche arbeiten in einem Büro und verbringen dort mehr oder weniger acht Stunden am Tag in sitzender Position. Die maximale Bewegung besteht nur allzu oft im Gang zur Kaffeemaschine oder zum Rauchen nach draußen bzw. zum Essen in die Kantine. Um nach der Arbeit noch Sport zu treiben, müsste der innere Schweinehund überwunden werden. Was leider häufig genug nicht gelingt. Kein Wunder, dass die Aussage „Sitzen ist das neue Rauchen“ immer öfter zu hören ist, denn die gesundheitlichen Auswirkungen des Sitzens nehmen deutlich zu.

Kein Wunder, dass die Aussage „Sitzen ist das neue Rauchen“ immer öfter zu hören ist, denn die gesundheitlichen Auswirkungen des Sitzens nehmen deutlich zu. (#01)

Kein Wunder, dass die Aussage „Sitzen ist das neue Rauchen“ immer öfter zu hören ist, denn die gesundheitlichen Auswirkungen des Sitzens nehmen deutlich zu. (#01)

Verkrampfungen bei Muskulatur und Wirbelsäule

Vor allem der Rücken ist von den schädlichen Auswirkungen des Sitzens betroffen und reagiert mit Schmerzen, die scheinbar keine rechte Ursache haben und völlig unspezifisch sind. Zu Beginn sind es nur die Muskeln, die sich verspannen und anfangen zu schmerzen. Doch schon bald leiden auch die kleinen Gelenke, mit denen die einzelnen Wirbel der Wirbelsäule verbunden sind und die uns eine seitliche Bewegung ermöglichen.

Sie werden auf Dauer überlastet und melden dem Gehirn dann normalerweise, dass sich der Mensch doch bitte anders hinsetzen oder besser noch bewegen soll. Nur allzu oft geht das aber nicht, weil der Betreffende in einem Meeting festsitzt (wortwörtlich!) oder weil er gerade so konzentriert arbeitet, dass körperliche Meldungen gänzlich ignoriert werden. Nach der Konzentrationsphase wird dann deutlich, dass die sitzende Position wohl doch zu lange ausgedehnt wurde. Alles schmerzt!

Video: Sitzen ist das neue Rauchen

Die sitzende Menschheit

Wenn Rauchen als Volkskrankheit oder Volkssucht bezeichnet werden kann, so trifft das beim Sitzen auch zu: Die Menschheit sitzt immer mehr! Kleine Kinder gehen noch mit gutem Beispiel voran und müssen sich doch schon bald anhören, dass sie endlich stillsitzen sollen. So wird dann in der Schule gesessen, in der Freizeit bei den Hausaufgaben, im Büro oder beim Studium, an der Kasse im Supermarkt und selbst noch in der Freizeit beim Lesen oder Musikhören.

Fernsehen und Computerspielen als liebste Freizeitbeschäftigungen: Wer steht denn dabei? Selbst die Fahrt zur Arbeit, zum Arzt oder zum Einkaufen erfolgt sitzend im Auto oder Bus. Die neuen Medien tragen ihren Teil dazu bei, bringen sie doch die Menschen dazu, regungslos vor dem Smartphone zu hängen und sich wieder nicht zu bewegen. Fitness und Sport sehen anders aus und sollten mehr als nur die Finger beim Tippen betreffen!

Sitzen ist das neue Rauchen: Welche Erkrankungen werden begünstigt?

Es ist längst erwiesen: Langes Sitzen kann verschiedene Erkrankungen fördern, in dieser Aussage sind sich Sport- und Arbeitsmediziner sowie die Wissenschaft einig. Nicht nur, dass ohne genügende Ausgleichsbewegungen der Rücken zu schmerzen beginnt, werden tatsächlich bestimmte Erkrankungen, auch des Herz-Kreislauf-Systems, durch sitzende Positionen verstärkt.

  • Die Bauchmuskulatur wird nicht mehr angespannt und erschlafft. Sie kann den Körper nicht mehr ausreichend stützen.
  • Durch eine zu gering ausgeprägte Bauchmuskulatur verformt sich der Rücken zum Rundrücken.
  • Ein Rundrücken belastet die Bandscheiben der Wirbelsäule stark, diese werden schlechter mit Nährstoffen versorgt und können sich degenerieren.
  • Folgebeschwerden von Rückenschmerzen können Kopfschmerzen sein.
  • Durch schlechte Sitzpositionen werden innere Organe gequetscht oder eingeklemmt.
  • Muskelverspannungen treten durch eine schlechte Durchblutung auf (diese wird durch das Rauchen ebenfalls verstärkt).
  • Die gesamte Muskulatur verkümmert, wenn sie nicht durch Sport angeregt wird.
  • Das Herz-Kreislauf-System erhält keine Förderung mehr.

Die Probleme, die durch das lange Sitzen ausgelöst werden, bilden einen Teufelskreis. Denn diejenigen, die ihre eigene Gesundheit schlecht einschätzen und ein wenig trainiertes Herz—Kreislauf-System haben, treiben automatisch weniger Sport, was wiederum die Muskulatur weiter erschlaffen lässt. Schon bald leidet das gesamte Skelettsystem, der Bewegungsapparat wird nicht mehr gefordert. Eine allgemeine Degeneration kann die Folge sein. Derartige Auswirkungen lassen sich auch beim Rauchen feststellen.

Sitzen ist das neue Rauchen: Die Probleme, die durch das lange Sitzen ausgelöst werden, bilden einen Teufelskreis. (#02)

Sitzen ist das neue Rauchen: Die Probleme, die durch das lange Sitzen ausgelöst werden, bilden einen Teufelskreis. (#02)

Auswirkungen wie beim Rauchen: Fitness auf Sparflamme

Gesundheit und Fitness leiden enorm, wenn sich der Mensch zu wenig bewegt. Es werden zu wenige Kalorien verbraucht, was wiederum dafür sorgt, dass der gesamte Stoffwechsel durcheinander gerät. Leider haben die meisten Menschen die Eigenart, sich zwar weniger zu bewegen, dennoch genauso viel zu essen wie vorher.

Wer mag schon vor dem Rechner sitzen und hungern? Hier ein Keks, da ein Kaffee mit Zucker, dort noch die Pizza zum Mittag. Durch die fehlende Bewegung können diese Kalorienberge nicht verbrannt werden, der Körper deponiert sie für schlechte Zeiten auf den Hüften. Auch das Herz-Kreislauf-System arbeitet nur noch reduziert, der Körper hat es schlichtweg nicht nötig, Atmung und Herzschlag auf ein Maximum zu erhöhen, um die nötige Energie bereitzustellen.

Auch die Beine leiden unter dem langen Sitzen: Die Beinvenen müssen damit kämpfen, dass das Blut in den Gefäßen versackt. Schlägt das Herz weniger stark, wird auch das Blut schlechter gepumpt, es verbleibt länger in den herzfernen Bereichen. Das sind nun einmal die Beine, die zu allem Unglück oft auch noch übereinander geschlagen werden. Die Venen müssen also gegen den Druck von außen ankämpfen, obwohl sie bereits geschwächt sind.

Die Wadenmuskelpumpe kommt kaum noch zum Einsatz, sie unterstützt normalerweise den Blutfluss und wird genutzt, wenn die Waden angespannt werden, wie etwa beim Gehen. Ruhen die Beine hingegen und müssen die Beinmuskeln nicht arbeiten, kommt auch die Muskelpumpe nicht mehr zum Einsatz.

Die Folge:

Die Beine können anschwellen, die Auswirkungen sind vergleichbar mit denen eines Langstreckenflugs.

Gerinnsel und Thrombosen können sich bilden, auch Krampfadern zeigen sich bei Büromenschen häufiger. Kommt dann noch eine angeborene Bindegewebsschwäche hinzu, hat der Körper fast keine Chance mehr, gesund aus der „Sitzkrankheit“ herauszukommen. Kein Wunder, dass Mediziner davon sprechen, dass Sitzen das neue Rauchen sei.  Scheinbar nebenbei wird dem Körper ein immenser Schaden zugefügt, der einfach nur durch schlechte Angewohnheiten entsteht.

Sitzen ist das neue Rauchen: Auch die Beine leiden unter dem langen Sitzen: Die Beinvenen müssen damit kämpfen, dass das Blut in den Gefäßen versackt. (#03)

Sitzen ist das neue Rauchen: Auch die Beine leiden unter dem langen Sitzen: Die Beinvenen müssen damit kämpfen, dass das Blut in den Gefäßen versackt. (#03)

Entlastungsmöglichkeiten für den Körper

Um das Sitzen an sich kommen wir meist nicht herum, wenngleich mittlerweile auch Steharbeitsplätze für Notebook-Nutzer alternativ genutzt werden können. Doch es ist möglich, der Gesundheit und Fitness auf die Sprünge zu helfen.

Zum einen können Sie die Sitzposition immer wieder verändern. Strecken Sie die Beine und lassen Sie sie nicht im 90 °-Winkel abgeknickt. Diese Position macht es dem Herzen schwerer, das Blut zu pumpen. Versuchen Sie auch, die Wadenmuskeln anzuspannen und so die Wadenmuskelpumpe zu aktivieren.
Weitere Möglichkeiten, um den Körper zu entlasten, sind:

  • Fahren Sie mit dem Fahrrad zur Arbeit.
  • Steigen Sie eine Station früher aus Bus oder Bahn.
  • Parken Sie nicht direkt vor der Eingangstür zum Büro.
  • Nutzen Sie die Mittagspause für einen Spaziergang.
  • Planen Sie eine halbe Stunde täglich für zusätzliche Bewegung oder Sport ein.

Mediziner haben herausgefunden, dass die genannte halbe Stunde am Tag schon ausreichend ist, um den Körper zu entlasten und ihm mehr Entspannung zu gönnen. Außerdem sollten die negativen Auswirkungen des Sitzens nicht überbewertet werden, denn in den meisten Fällen lässt sich durch kleine Veränderungen im Alltag sehr gut entgegenwirken. Es ist bereits hilfreich, die Freizeit zu Hause nicht unbedingt sitzend zu verbringen.

Übrigens:

Auch langes Stehen schadet dem Körper und schwächt die kleinen Gefäße in den Beinen. Es ist also keine ausreichende Hilfe, statt der sitzenden Tätigkeit auf eine stehende auszuweichen (beispielsweise um zwischen Sitz- und Steharbeitsplatz zu pendeln).

Wer viel steht, sollte ebenfalls versuchen, zwischendurch ein paar Schritte zu laufen und so seine Beine entlasten. Wenn Sie trotz aller Bemühungen für mehr Bewegung im Alltag Probleme mit den Venen haben, sollten Sie einen Arzt aufsuchen. Dieser klärt ab, ob es sich eventuell um eine Erkrankung handelt, die therapiebedürftig ist.


Bildnachweis:© Titelbild – Shutterstock: Lisa S. – #01: Albina Glisic – #02: Marcin Balcerzak  – #03: fizkes

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Über Sabrina Müller

Sabrina Müller, geboren 1982 in Berlin, ist inzwischen Mutter von drei Kindern. Eigentlich wollte sie gar nicht so viele Kinder. Nachdem ihre erste Tochter jedoch wirklich pflegeleicht war, haben sich Sabrina und ihr Mann für weitere Kinder entschieden. Konnte ja keiner wissen, dass auf pflegeleicht nicht immer auch wieder pflegeleicht folgt. Nach der ersten Tochter folgten noch ein Mädchen und ein Junge. Ihre Rasselbande füllt Sabrinas Leben derzeit aus. Neben der Betreuung der Kinder engagiert sich Sabrina auch im Kindergarten und näht und bastelt gerne.

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